„Dumpster Diver“

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Solche Szenen sieht man in Österreichs Städten immer öfter: Menschen, die bei (Super-) Märkten die Mistkübeln durchwühlen und nach Essbarem suchen. Allein in Wien, so wird geschätzt, sind rund 3.000 „Dumpster Diver“ (Müll-Taucher) vor allem nachts auf der Jagd.

Foto: Christopher Glanzl (CC BY-SA 2.0 AT)
Foto: Christopher Glanzl (CC BY-SA 2.0 AT)

Da gibt es zum Beispiel Maria S. Sie ist 69 Jahre alt und bekommt die Mindestpension. „Da muss ich mich sehr einschränken, um über die Runden zu kommen“, sagt sie. „Meistens habe ich schon am 20. des Monats kein Geld mehr und muss die restlichen zehn Tage überleben.“ Ein Gasthaus hat sie schon lange nicht mehr von innen gesehen, doch sie hat früher in Wirtshausküchen gearbeitet und weiß, wie man auch aus wenigen Zutaten etwas Gutes kochen kann. Ihre Menüs stellt sie oft aus Lebensmitteln zusammen, die auf Märkten und in Supermärkten nicht verkauft worden sind und daher ganz einfach im Müll landen.

Auch Philipp K. ist als Müll-Taucher unterwegs. Er ist wesentlich jünger als Maria, möchte aber sein Alter nicht verraten und auch sonst nur wenig von seinem Leben preisgeben. Nur so viel: „Unser Kapitalismus ist ein Dreckssystem, das bekämpft werden muss. Mir geht‘s gar nicht in erster Linie ums Geld, sondern ums Prinzip.“

Zwei Biographien, zwei Schicksale. Maria, Philipp und die anderen Müll-Taucher sehen ihre Jagd nach weggeworfenen Lebensmitteln fast als Hobby, denn eigentlich müsste sich niemand in Wien  auf diese Weise durchs Leben schlagen. Die Bundeshauptstadt ist in Sachen Soziales ein Vorbild für andere Städte. Mit vielen Einrichtungen und Initiativen wird der soziale Absturz bekämpft. Oft hindern falsch verstandener Stolz oder auch psychische Probleme die Betroffenen daran, Hilfe anzunehmen und im Sozialsystem ihren Platz zu finden. Lieber sehen sie sich als Menschen, die niemanden brauchen und ihre Probleme selbst lösen.

Müll um 1,4 Milliarden Euro

Drastische Zahlen präsentierte die Umweltschutzorganisation Greenpeace Ende Februar 2022. Demnach sind die Lebensmittel, die alljährlich in den österreichischen Müllverbrennungsanlagen landen, 1,4 Milliarden Euro wert. Außerdem, so Greenpeace, werden für deren Herstellung jedes Jahr 1,5 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre geblasen. Das ist ca. die Hälfte der Menge, die der heimische Flugverkehr vor der COVID-19-Pandemie ausgestoßen hat.
Im Klimaschutzministerium entwickelt man derzeit ein Abfallvermeidungsprogramm, das der EU-Vorgabe folgt und bis zum Jahr 2030 eine Halbierung der Lebensmittelabfälle anstrebt. Elf große Handelsunternehmen haben sich bereits freiwillig zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen bereit erklärt. So konnten im Jahr 2020 immerhin 20.000 Tonnen Lebensmittel an soziale Einrichtungen gespendet werden. Weitere 10.000 Tonnen wurden als Tierfutter eingesetzt.

Müllcontainer werden abgesperrt

„Es ist nicht erwünscht, dass Personen Lebensmittel aus unseren Müllcontainern nehmen“, sagt ein Sprecher einer großen Supermarktkette gegenüber der Redaktion von help.ORF.at. „Der Hauptgrund ist, dass sich in unseren Mülleimern auch abgelaufene Produkte befinden oder es vorkommen kann, dass Rückrufartikel im Restmüll entsorgt werden. Daher können wir eine Gefährdung der Müllsammler nicht ausschließen.“

Das „Dumpstern“ ist eine kriminelle Handlung. „Denn all jene, die Lebensmittel aus Mülltonnen von Supermärkten entnehmen, begehen Diebstahl“, sagt der Jurist Alexander Kern. Supermärkte und Hauseigentümer könnten gegen Müll-Taucher Anzeige erstatten oder Besitzstörungsklagen einbringen, doch bisher wurde deshalb in Österreich noch niemand verurteilt. Um den Zugang zum Abfall zu verhindern, werden immer mehr Müllcontainer eingesetzt, die sich versperren lassen.

Während die Lebensmittelbeschaffung aus Mistkübeln bei uns eine Grauzone ist, hat man in Frankreich eindeutige gesetzliche Vorschriften erlassen. Dort dürfen Supermärkte mit mehr als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche unverkaufte Lebensmittel nicht wegwerfen, die Waren müssen gespendet oder recycelt werden.

Im österreichischen Klimaschutzministerium setzt man einstweilen noch auf Freiwilligkeit, doch wenn der Handel nicht entsprechend mitzieht, kann man sich auch eine gesetzliche Regelung vorstellen. Ungelöst bleibt dann aber noch, dass die Hälfte (!) der Lebensmittelabfälle aus privaten Haushalten stammt.

„In Österreichs Haushalten landen 157.000 Tonnen Lebensmittel im Restmüll“, sagt die zuständige Ministerin Leonore Gewessler. „Im Lebensmitteleinzelhandel fallen rund 74.100 Tonnen an. Weitere 175.000 Tonnen sind der Hotellerie sowie der Gastronomie, der Verpflegung in Betriebskantinen und Gesundheitseinrichtungen zuzuordnen. Wenn wir achtsamer mit Lebensmitteln umgehen, schonen wir Ressourcen und schützen unsere Umwelt und das Klima.“˜

Die Story zu den Fotos gibts hier: www.moment.at

Georg Biron

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