Geschäfte mit Müll

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Der internationale Müllhandel ist ein Milliardengeschäft mit weitreichenden Folgen für die Umwelt, die Gesundheit und das soziale Leben. Ein Interview mit Konsumexpertin Lisa Panhuber von Greenpeace Österreich über die Praktiken und Auswirkungen.

Praktiken und Auswirkungen des weltweiten Müllgeschäfts (Foto: istock)
Praktiken und Auswirkungen des weltweiten Müllgeschäfts (Foto: istock)

Österreich produziert jährlich mehr als 71 Millionen Tonnen Müll, Tendenz steigend. Doch damit ist Österreich nicht allein. Der Müllhandel ist ein weltweites Problem – und Geschäft. Wie sieht die Entwicklung im Detail aus?
Lisa Panhuber: In den letzten Jahrzehnten hat die Müllproduktion in Österreich rapide zugenommen. Bei Greenpeace schauen wir uns vor allem die vier Abfallströme Elektroschrott, Verpackungs-, Textil- und Lebensmittelabfälle genau an. Jährlich fallen pro Österreicher*in elf Kilo Altkleidung an, der weltweite Elektroschrott ist innerhalb von zehn Jahren von 33 auf 52 Millionen Tonnen angestiegen. Das Problem ist, dass immer mehr Produkte gekauft und kürzer genutzt werden. Eine Million Tonnen vermeidbarer Lebensmittelabfälle sammeln sich innerhalb eines Jahres allein in Österreich an – hier verbessert sich die Lage seit Jahren nicht. Lebensmittelabfälle werden aber immer lokal entsorgt und spielen im internationalen Müllgeschäft keine Rolle.


Wie ist Österreichs Müllbilanz im Bereich Plastik? Wird mehr Müll exportiert oder importiert?
Österreich importiert bei Plastikabfällen etwa gleich viel wie es exportiert. Der Müllhandel ist ein weltweites Geschäft, das beinhart von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Hat etwa eine Müllverarbeitungsanlage in Österreich gerade eine geringe Auslastung, so senkt sie ihre Preise und wird so für internationale Händler interessant, die ihren Müll etwa aus Italien nach Österreich bringen. Transportwege spielen kaum eine Rolle, die Ökobilanz ist zweitrangig.

Lisa Panhuber (Foto: M.Kobal)
Lisa Panhuber (Foto: M.Kobal)

Wo landet unser Plastikmüll, der exportiert wird?
Dieser wird in die Nachbarstaaten, aber auch nach Übersee, zum Beispiel nach Malaysia oder Indonesien, transportiert. Kürzlich wurde bekannt, dass Plastikmüll aus der EU in der Türkei nicht recycelt, sondern offen verbrannt wurde. Dadurch werden Treibhausgase freigesetzt, die die Klimaerhitzung vorantreiben. In den allermeisten Ländern, außer beispielsweise Deutschland, Schweiz, Belgien und einigen wenigen anderen, sind die Umweltstandards nicht so hoch wie in Österreich. Wir haben ein gutes und funktionierendes System der Müllsammlung und Verbrennung. Importiert wird jener Müll, mit dem Geschäfte gemacht werden können. Jene Produkte, deren Entsorgung zur Last werden, werden teilweise in Länder des globalen Südens abgeschoben, wo die Umweltstandards wesentlich niedriger sind als in Österreich. In der Praxis sieht es so aus, dass ein österreichisches Unternehmen einem Händler einen geringeren Betrag bezahlt, als die Entsorgungskosten in Österreich ausmachen würden. Während auch der Händler noch vom Müll-Geschäft profitiert, ist es letzten Endes oft die Bevölkerung, die am Müll sitzen bleibt, und die Umwelt, die geschädigt wird.


Manche argumentieren, dass gerade in Ländern des globalen Südens viele Menschen vom Müllhandel leben, weil sie Müll sortieren und weiterverkaufen, während dies in Österreich nicht möglich ist. Was sagen Sie dazu?
Das ist ein vorgeschobenes Argument. Es stimmt zwar, dass etwa in Malaysia vieles von Hand sortiert wird, und dies in Österreich aufgrund der hohen Umwelt- und Gesundheitsstandards nicht machbar wäre. Aber es bedeutet für die Menschen im globalen Süden, dass die Arbeit gefährlich und gesundheitsgefährdend ist. Zum Beispiel gelangen Schwermetalle, hormonell wirksame Chemikalien oder Mikroplastik in die Umwelt. Untersuchungen zeigen, dass der Rauch von unkontrollierter Müllverbrennung und die Belastung durch offene Deponien das Risiko für Krankheiten erhöht und sogar zu einer niedrigeren Lebenserwartung führen kann. Das alleine müsste Grund genug sein, dass wir in Österreich unseren Müll nicht auslagern.

Wie sind Ihre Erfahrungen im Textilbereich? Was passiert mit heimischen Textilien, die zum Recyceln in Containern gesammelt werden?
Leider stimmen die Recyclingversprechen der Sammelcontainer oft nicht. Alttextilien landen oft im globalen Süden und werden dort auf die Märkte gebracht, rund 40 Prozent sind aber unbrauchbar, sodass sie nicht weiterverwertet werden können und auf riesigen Müllhalden landen, wo sie große Umweltschäden anrichten. Kleidung am besten nur in die Container der sozialwirtschaftlichen Sammler geben – mehr Infos dazu unter www.sachspenden.at. Auch Altkleidung, die in Handelsketten abgegeben wird, wird nur selten recycelt. Zumeist handelt es sich um Greenwashing. Damit soll den Unternehmen ein umweltfreundliches Image gegeben werden. Zudem führen billige westliche 2nd Hand-Textilien auch dazu, dass die Produktion der afrikanischen Textilwirtschaft ruiniert wird, weil die Produktion vor Ort teurer ist. Viele Alttextilien aus Europa landen etwa in Ghana – auf Märkten und Müllhalden.

Gibt es eine Lösung für das Problem Müll? Wie kann das Problem des weltweiten Müllhandels gelöst werden?
Die einzige Lösung ist, Müll zu reduzieren. Produkte zu kaufen, die weniger verpackt sind. Handy und Laptop jahrelang zu verwenden, bevor man ein neues Gerät kauft. Im Bereich Elektronik mehr auf die Reparierbarkeit setzen. Hier wurde auf EU-Ebene bereits eine sinnvolle Initiative gestartet, um einerseits die Möglichkeit zu gewähren, dass Geräte repariert werden können, und andererseits auch um die Leistbarkeit von Reparaturen zu erhöhen. Auch der Reparaturbonus des Klimaschutzministeriums ist hier ein erster sehr guter Schritt in die richtige Richtung. Das Gleiche gilt im Textilbereich – man sollte auf langlebige Mode statt auf Fast Fashion setzen, um Müll zu vermeiden.

Die Forderung von Greenpeace ist, dass der Müll, der nicht vermeidbar ist, regional und den höchsten Umweltstandards entsprechend recycelt wird. Wir müssen uns selbst um unseren Müll kümmern, weil wir die die finanziellen Mittel dazu haben und auch entsprechende Umweltstandards.

Susanne Kritzer

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