„Wichtig ist, Solidarität zu zeigen“

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Susanne Scholl war langjährige ORF-Auslandskorrespondentin in Russland. SAM WIEN hat mit ihr über Hintergründe und Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine
 gesprochen.

Susanne Scholl (Foto: Bwag)
Susanne Scholl (Foto: Bwag)

Was steckt hinter Putins Aggression?

Es stecken mehrere Dinge dahinter. Einerseits ist die wirtschaftliche Situation in Russland nicht rosig. Andererseits läuft die Pandemiebekämpfung nicht gut – die Russen haben wenig Vertrauen in den von Russland entwickelten Impfstoff Sputnik V. Ein außenpolitisches Ablenkungsmanöver ist hilfreich.
Seit Putin an der Macht ist, versucht er ein russlandhöriges Regime in der Ukraine zu installieren, ähnlich dem Lukaschenko-Regime in Weißrussland. Doch diese Versuche sind in der Ukraine bereits mehrmals gescheitert. Putin setzte den ehemaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch ein, aber dieser wurde von der ukrainischen Bevölkerung aus dem Amt gejagt. In der Folge besetzte Putin die Halbinsel Krim. Auch Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde von Putin stark unterschätzt, er hat aber mit dem Krieg enorm an Statur gewonnen. Putin hat nicht damit gerechnet, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer kämpfen würden. Er hat sie völlig falsch wahrgenommen. Die Annexion der Halbinsel Krim war eine völlig andere Situation. Auf der Krim leben vorwiegend Russen und pensionierte russische Offiziere. Daher war es dort leicht, einzumarschieren. Aber in der übrigen Ukraine herrscht eine ganz andere Situation – selbst in den östlichen Republiken Luhansk und Donetsk, wo russischsprachige Ukrainer leben. Die Ukraine will sich nicht von Moskau vereinnahmen lassen. Es gab keine Provokation Putins durch die Ukraine, die Nato oder die EU. Es ist ein Krieg Putins, den er gegen die Ukraine führt.

Politisch ist die Frage, ob Europa so einig bleibt, wie es jetzt auftritt.

Susanne Scholl

Wie groß ist der Rückhalt in der russischen Bevölkerung für den Krieg?

Es herrscht massive Desinformation in Russland. Putin hat die Medien unter Kontrolle und kürzlich auch die letzten kritischen Medien sowie die internationale Menschenrechtsorganisation Memorial verboten. Russische Soldaten werden zum Teil völlig falsch informiert, indem man ihnen sagt, dass ihr Einsatz in der Ukraine nur zu Übungszwecken stattfindet.  Andererseits werden die Ukrainer als „Faschisten“ dargestellt. Darauf springen vor allem ältere Menschen in Russland leicht an, denn Russland, als Teil der damaligen Sowjetunion, hat bei der Befreiung Europas von den Nazis einen hohen Preis gezahlt. Deshalb wird „Faschismus“ nach wie vor als große Bedrohung empfunden.

Die russische Bevölkerung befindet sich in einer Schreckstarre. Die Hälfte von ihnen hat Großeltern aus der Ukraine oder andere enge persönliche Beziehungen zum Nachbarland.

Welche Auswirkungen wird der Krieg mittel- und langfristig haben?

Das ist schwer abzuschätzen. Mittel- und langfristig werden die Auswirkungen der Flüchtlingsbewegungen und der wirtschaftlichen Folgen sehr groß sein. Was die Gaslieferungen betrifft, muss sich Europa auf harte Zeiten einstellen. Politisch ist die Frage, ob Europa so einig bleibt, wie es jetzt auftritt.

Wie kann man den Menschen in der Ukraine am besten helfen?

Am besten mit Geldspenden. Man sollte aber nur jenen Organisationen spenden, die erprobt sind und wissen, was sie tun – da schließe ich den Samariterbund selbstverständlich mit ein. In Österreich wird es weiters wichtig sein, Wohnraum zur Verfügung zu stellen und Solidarität zu zeigen – denn es handelt sich um einen Angriff Putins und nicht um einen Angriff Russlands. Unsere Solidarität sollte der Bevölkerung der Ukraine gelten und auch der Bevölkerung Russlands.

Susanne Kritzer

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