„In Wien schon jetzt ein Temperaturplus von 2,9 Grad“

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Die Klimakrise betrifft uns alle – vor allem aber künftige Generationen, die mit der Erderwärmung leben müssen. Noch immer fehlt vielen Menschen die Bereitschaft, den CO2-Ausstoß zu senken und damit den Klimawandel zu bremsen. Sam WIEN hat mit der renommierten Klimaforscherin Dr. Helga Kromp-Kolb über die Folgen der Erwärmung und über die Gründe gesprochen, warum gerade Österreich vom schnellen Temperaturanstieg betroffen ist.

Dr. Helga Kromp-Kolb (Foto: mitja kobal)
Dr. Helga Kromp-Kolb (Foto: mitja kobal)

Sam WIEN: Im Pariser Klimaabkommen ist das Ziel festgelegt, die Erderwärmung bis zum Jahr 2100 auf unter zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Periode (1850-1900) zu beschränken. Während derzeit der weltweite Temperaturanstieg bei rund einem Grad liegt, verzeichnet Österreich schon heute einen Anstieg um 2,7 Grad. Warum ist gerade Österreich von der Erderwärmung so stark betroffen?

Helga Kromp-Kolb: Der Temperaturanstieg erfolgt in Österreich schneller, da wir ein kontinentales Gebirgsland sind. Länder, die an einen Ozean grenzen, erwärmen sich langsamer, da sich der Ozean dämpfend auf die Erwärmung auswirkt. Gleichzeitig ist Österreich eine Gebirgsregion, deren Schneedecke abnimmt. Die Gletscher ziehen sich zurück, und es kommt dunkles Gestein zum Vorschein – diese Flächen nehmen mehr Energie auf, was bedeutet, dass sie sich stärker erwärmen.

Welche heimischen Regionen sind vom starken Temperaturanstieg besonders betroffen?

Neben den Gebirgsregionen ist das vor allem der Osten Österreichs. Der klimatische Einfluss durch den großen Kontinentalraum ist vor allem in Wien, im Burgenland und in Teilen Kärntens und der Steiermark spürbar. In Wien haben wir schon jetzt ein Temperaturplus von 2,9 – also fast 3 Grad.

Durschnittliche Temperatur in Österreich und weltweit
Durschnittliche Temperatur in Österreich und weltweit

Sollte der Klimawandel nicht gestoppt werden, gehen Expert:innen davon aus, dass in 15 Jahren nur noch die Hälfte der heimischen Gletscher übrig sind und in 80 Jahren Österreich gletscherfrei ist. Welche Auswirkungen sind dadurch zu erwarten?

Durch den Rückgang der Gletscher schreitet die Erwärmung noch schneller voran. Es gibt aber eine Fülle an anderen Konsequenzen, die mit der Gletscherschmelze zusammenhängen: Flüsse werden von den Gletschern gespeist – je kleiner die Gletscher sind, desto weniger Wasser kann im Sommer abfließen. Ohne Schnee und Eis wird im Gebirge loses Gestein freigelegt, das bei Unwettern, vor allem bei Hagel, als Mure ins Tal abgehen kann. Dadurch besteht eine große Gefährdung des alpinen Raums. Und natürlich leidet der Tourismus in mehrfacher Weise.

Was bedeutet der Temperaturanstieg für unsere Zukunft?

Es hängt alles davon ab, ob wir die Pariser Klimaziele einhalten. Wenn der globale Anstieg bei zwei Grad liegt, werden wir in Österreich eine Erwärmung um etwa vier Grad erleben. In Österreich muss auf jeden Fall mit einem Faktor zwei gegenüber dem globalen Anstieg gerechnet werden, es kann aber auch nicht ausgeschlossen werden, dass es bei den Spitzenwerten zu einer Erwärmung um deutlich mehr als vier Grad kommt. Schon jetzt verzeichnen wir in Österreich jährlich mehr Hitzetote als Verkehrstote – trotzdem spricht niemand darüber. Der Klimawandel hat vielfältige Auswirkungen auf das gesamte ökologische System – auf Extremwetterereignisse, die Verfügbarkeit von Wasser, die Ausbreitung von Schädlingen, die Artenvielfalt, aber auch auf die Land- und Forstwirtschaft. Es gibt keinen Sektor, der nicht direkt oder indirekt vom Klimawandel betroffen wäre. Auch Wirtschaftskrisen, soziale Krisen und eine Zunahme von Klimaflüchtlingen wären Folgen eines globalen Temperaturanstiegs von zwei Grad. Die Entscheidung, wie die Zukunft ausschauen wird, liegt bei uns!

Können wir den Klimawandel noch verhindern?

Auf jeden Fall können wir die Geschwindigkeit beeinflussen, mit der der Temperaturanstieg voranschreitet. Jedes Zehntelgrad Erwärmung, das wir erst später erfahren, ist ein Vorteil. Ob es möglich ist, das Klima noch zu stabilisieren, ist eine offene Frage, aber man muss es auf jeden Fall versuchen.

Was kann jede:r Einzelne gegen den Klimawandel tun?

Wirksam ist, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren, d.h. aus fossiler Energie auszusteigen, Bedarf zu reduzieren und Energieeffizienz zu steigern – etwa durch den Umstieg vom motorisierten Individual- auf öffentlichen Verkehr. Auch im Bereich der Land- und Forstwirtschaft kann man rasch und direkt Einfluss nehmen, indem man die Essgewohnheiten ändert – weniger Fleisch und Milch, mehr Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse in Bio-Qualität. Die biologische Landwirtschaft speichert Kohlenstoffe im Boden und fördert so den Humusaufbau. Dadurch speichert der Boden Wasser besser, wodurch es nicht so leicht zu Überschwemmungen oder Dürren kommt.
Der Menschen ist Treiber des Klimawandels. Wir wissen, dass die Emissionen stattfinden, weil die Menschen etwas haben wollen, das produziert werden muss. Es geht um eine Änderung unseres Lebensstils und die Überlegung, was wirklich notwendig ist. Auch bei der Kleidung ist es sinnvoll, zu langlebigen, reparierbaren Produkten zu greifen und Ungewolltes zu tauschen statt wegzuwerfen.
Wir müssen umdenken, wie wir MIT der Natur statt GEGEN sie leben können. Kurzfristige Lösungen führen oft nur zu einer Anhäufung von Problemen – derzeit im Sozialen gut beobachtbar. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Der Klimaschutz könnte Anlass sein, auch die sozialen Probleme zu lösen. Die sozialökologische Steuer mit Klimabonus ist z. B. ein Umverteilungsmechanismus, der bedürftigen Menschen zugutekommt. Mit den richtigen Lösungen kann es gelingen, zu einer gerechteren Welt zu gelangen – mit besserer Lebensqualität, wenn auch mit einem anderen, vielleicht reduzierten Lebensstandard. Praktisch könnte das heißen: kein Auto, aber dafür weniger Hektik im Alltag und mehr selbstbestimmte Zeit.

Susanne Kritzer

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