Rettung: Täglich für uns im Einsatz

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Einen halben Tag lang durfte ich ein Rettungsteam des Samariterbunds durch die Straßen Wiens begleiten – mit spannenden Einsätzen, viel Menschlichkeit und ordentlich Stoff zum Nachdenken.

Rettungswagen
Rettungswagen

Das ist der sozialste Beruf, den es gibt.

Savas Isikli

Um 07:00 Uhr beginnt der Dienst für Notfallsanitäter Rafal Bis, Rettungssanitäter und Einsatzfahrzeuglenker Savas Isikli und der frisch gebackenen hauptamtlichen Rettungssanitäterin Martina Lechner.

Aber zugegeben: So früh waren wir nicht am Start! Wir, das sind Kurier-Redakteurin Diana Dauer und meine Person, Stefanie Kurzweil – Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsarbeit. Nach zahlreichen Mails und Telefonaten stand er: Unser zumindest halber Tag im Rettungsfahrzeug. Grund dafür war eine Reportage des Kuriers, die den Alltag der Wiener Rettungsdienste zeigen sollte. Und wir freuen uns, dass sich die Redaktion für den Samariterbund Wien, in der Bundeshauptstadt der größte Rettungsdienst, entschieden hat.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren für alle gleich: Frisch negativ getestet, ununterbrochenes Tragen der FFP2-Maske und bei einem Einsatz mit einem COVID-19-Verdachtsfall hätte uns das Team unterwegs abgesetzt und wäre zu dritt weiter zum Einsatz gefahren.

Stefanie unterwegs im Rettungswagen
Stefanie unterwegs im Rettungswagen

Der erste Einsatz ruft

Nach einer kurzen Vorstellrunde geht es schon los. „Tatütata“, das charakteristische Signal ertönt. Allerdings ist es das Handyläuten von Notfallsanitäter Rafal Bis, das unseren ersten gemeinsamen Einsatz ankündigt. Eine ältere Dame, so der Anrufer, sei desorientiert und wirke lethargisch. In Windeseile geht es los. Der Jausenapfel von Martina Lechner wird auf der rasanten, aber sehr geübten Fahrt in Richtung Einsatzort schnell verputzt. Savas Isikli weiß, wie man den schweren Einsatzwagen sicher über rote Ampeln lenkt. Und auch aufs Navigationssystem verzichtet er. In Wien kenne er sich nach 12 Jahren im Rettungsdienst besser aus als viele TaxilenkerInnen. Tatsächlich findet er die kleine Seitengasse ohne Probleme.

Wir kommen an. Das Dreiergespann springt raus, packt die nötigsten Dinge zusammen und schon geht es in die Stube, in der eine alte Dame umgeben von ihrem Mann und ihrem Sohn sitzt und tatsächlich verwirrt scheint. Den aktuellen Tag oder gar das Datum kann sie nicht nennen. Auch nicht, was es gerade zum Mittagessen gab, obwohl der Topf sogar noch am Tisch steht. Rafal Bis, der seit 20 Jahren dabei ist und als ausgebildeter Notfallsanitäter über zusätzliche Befugnisse verfügt, entscheidet nach einem Check der Vitalwerte der Dame schnell, sie ins nächstgelegene Krankenhaus zu bringen – zur weiteren Abklärung und Behandlung.


Auf Du und Du mit dem Krankenhauspersonal

Ruck zuck geht das und schon sind wir am Weg. Im Rettungswagen werden nochmals alle Symptome und gemessenen Werte sorgfältig dokumentiert, das erleichtert den ÄrztInnen im Spital die schnelle und exakte Versorgung. Bei der Übergabe der Patientin fällt auf: Das Rettungsteam kennt die PflegerInnen der Notaufnahme. Kein Wunder, ist man doch ständig hier. Wer ist nett, wer ist die richtige Ansprechperson? Alles kein Problem – das Team könnte wahrscheinlich locker aus dem Nähkästchen plaudern, wenn es wollte. Tut es aber nicht.

Das Rettungsteam  Rafal Bis, Savas Isikli und Martina Lechner
Das Rettungsteam Rafal Bis, Savas Isikli und Martina Lechner

Der sozialste Beruf

Kaum sind wir wieder unterwegs, kommt der zweite Notruf. Es geht einmal quer durch Wien und trotzdem sind wir im Nu da. Eine Frau bekommt kaum Luft, hat selbst 144 gewählt. Die Frau erwartet unser Team bereits, auch hier kein Corona-Verdacht. Wir dürfen also mit.
Bei diesem Einsatz wird sichtbar, dass das Team viel mehr leistet als Erste Hilfe und Versorgung. Die Frau hat eine gebrochene Schulter, ihr Gatte ist vor Kurzem verstorben und sie gibt an, seit einigen Tagen wieder zu trinken. Sie geniert sich nicht, dem Rettungsteam klar und deutlich zu sagen, sie sei Alkoholikerin. Einen Unterschied bei der Behandlung macht das aber definitiv nicht. Sehr gewissenhaft werden auch hier alle Parameter kontrolliert und der Frau wird gut zugeredet, dass man sie zur Abklärung ins Krankenhaus bringen werde. Die Sauerstoffsättigung ist eigentlich gut, aber das Ringen um Luft deutlich erkennbar und muss ernst genommen werden. Isikli lenkt in Richtung Wilhelminen Spital, Rafal Bis und Martina Lechner plaudern mit der Patientin auf Augenhöhe und mit dem gleichen Respekt, den sie allen PatientInnen, die ihnen anvertraut werden, entgegenbringen. Sie hören sich unterwegs die tragische Geschichte vom Tod des Ehemanns an, reden gut zu und geben Tipps, wie sie ihre Katzen versorgen lassen könnte, solange sie im Spital bleiben muss. Hier gibt es keine Stigmata oder Tabus, keiner steckt jemanden in eine Schublade oder redet – auch im Nachhinein – abfällig. „Das ist der sozialste Beruf, den es gibt.“, sagt Isikli. Zuhören, ernst nehmen und auf die Bedürfnisse eingehen sind wichtige Bestandteile des Berufs, der eigentlich mehr Berufung ist. „Du musst schnell einen Draht zu allen PatientInnen finden.“, ergänzt Rafal Bis.

Der Lockdown und seine Folgen

Der letzte Einsatz im Dienst der drei SanitäterInnen führt uns zu einem älteren Herrn, der alleine wohnt, und auch seine Nachbarin alarmiert hat, er bekäme keine Luft. Bei einer Sauerstoffsättigung von 100 Prozent ist eine Atemnot zwar rein physisch gesehen ausgeschlossen, aber gerade in Pandemiezeiten und während eines Lockdowns ist die psychische Belastung nicht zu ignorieren. Auch die hinzugerufene Nachbarin sagt, der Mann sei stets alleine zuhause gewesen seit einigen Wochen. Wieder das gleiche Procedere: In den Rettungswagen transportieren und ins nächstgelegene Krankenhaus bringen, diesmal ins AKH.

Ob es im Lockdown häufiger vorkomme, dass ältere Menschen, die alleine sind, die Rettung rufen, will die Kurier-Redakteurin wissen. Die Antwort ist nicht überraschend: Ja. Denn gerade in der Zeitspanne vor den groß angelegten Impfungen war diese Bevölkerungsgruppe sehr viel alleine. Familienbesuch stellte ein großes gesundheitliches Risiko dar, Bekannte konnten auch nicht vorbeischauen.

Der Dienst des Dreiergespanns ist um 19:00 Uhr vorbei. Der Herr wurde noch gut versorgt und ins AKH gebracht. Ich bin nachdenklich – und zugegeben ziemlich kaputt, obwohl es „nur“ ein halber Tag war. Könnte ich diesen Beruf ausüben? Es beschäftigt mich einige Tage und ich komme zu keiner Antwort. Aber eines nehme ich für immer mit von diesen fünf intensiven Stunden: Den tiefen Respekt vor allen, die tagtäglich für uns im Einsatz sind!


Stefanie Kurzweil

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