Es wird zu einer Revolte kommen

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Die Wiener Soziologin Dr. Michaela Pfadenhauer über die Corona-Krise und ihre Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Leben und warum wir uns das Schwingen des Pendels zwischen Freiheit und Sicherheit erhalten sollten.

Dr. Michaela Pfadenhauer
Dr. Michaela Pfadenhauer

Michaela Pfadenhauer ist Soziologie-Professorin für Kultur und Wissen an der Universität Wien und setzt sich in ihren Arbeiten unter anderem stark mit Medien- und Kulturwandel auseinander. Im Interview erklärt sie, warum sie eine Gegenreaktion auf die Corona-Beschränkungen erwartet und was wir aus dieser Krise vielleicht lernen könnten.


Frau Dr. Pfadenhauer, das Coronavirus hat unsere Grundrechte erschüttert. Leben wir in einem Ausnahmezustand oder wird die Pandemie einen nachhaltigen Einschnitt in unserer Gesellschaft bewirken?

Für mich mehren sich die Hinweise, dass wir viele ganz konkrete Veränderungen, sei es nun die Maskenpflicht, der physische Abstand oder der Verzicht auf das Händeschütteln bei Begrüßungen, nicht durchhalten werden. Ich sehe zwei Dinge, die tatsächlich einen nachhaltigen Effekt haben werden, die auch zusammenhängen. Das eine ist, dass wir eine Gesetzgebung bekommen könnten, die es Regierungen viel schneller erlaubt, uns in so einen Ausnahmezustand zu bringen. Und zum anderen glaube ich, dass wir diese Erfahrung, die einen massiven Einschnitt in unsere alltäglichen Routinen bedeutet hat, als Zäsur abspeichern werden. Das heißt, das Gefühl der relativen Sicherheit, dieser fast trägen, behäbigen Sicherheit, weicht einer Verunsicherung, dass die Politik – mehr oder weniger über Nacht – massiv in unser eigenes Leben eingreifen kann.

Wer sind Ihrer Meinung nach die größten „Verlierer“ bzw. „Gewinner“ der Krise?

Meine Sorge gilt derzeit dem Einzelhandel. Also auch Ein-Personen-Unternehmen, die sich nicht so große Rücklagen leisten konnten, dass so ein verordneter Stillstand aufgefangen werden kann. Und damit werden nicht nur diese Existenzen zu den Verlierern gehören, sondern es werden auch die Städte Verlierer sein. Gerade eine Stadt wie Wien lebt sehr von charaktervollen, sehr speziellen, einzelnen kleinen Anbietern und Geschäften. Wenn diese sterben, wird sich das auch massiv im Stadtbild niederschlagen. Was die Gewinner angeht, habe ich eine Hoffnung, dass möglicherweise Wissenschaft in ihrem wichtigen Beitrag für die Gesellschaft wiedererkannt wird. Derzeit liefern natürlich vor allem Virologen, Volkswirtschaftstheoretiker und Statistiker Beiträge, deren Nutzen offensichtlich ist. Und ich hoffe sehr, dass sich die Tendenz zur Wissenschaftskritik – also Entwicklungen wie Fake-News – nicht fortsetzt, sondern dass auch die Geistes- und Sozialwissenschaften wieder an Bedeutung gewinnen und ein breiter politischer Diskurs stattfindet, der schon längst hätte geführt werden müssen.

 

Die Online-Kommunikation zwingt uns eine bestimmte Form auf und schafft in ihrer ganz eigenen Dynamik viele Probleme.

Lassen sich auch positive Auswirkungen der Corona-Krise erkennen?

Positiv sehe ich in diesem Zusammenhang unsere Erfahrungen mit der Digitalisierung. Wir wissen nun vor allem auch wieder, dass das direkte Gespräch oder das Telefongespräch eine besondere Bedeutung haben. Denn die Online-Kommunikation zwingt uns eine bestimmte Form auf und schafft in ihrer ganz eigenen Dynamik viele Probleme. Die Erkenntnis über digitale Kommunikation in ihren Möglichkeiten, aber eben auch Grenzen, ist sicher ein positiver Effekt. Der zweite positive Effekt ist ein sinkendes Misstrauen in Fragen der Heimarbeit: Wie weit ist es unbedingt notwendig, dass jede Arbeitskraft permanent physisch am Arbeitsplatz präsent ist? Bei sehr vielen Tätigkeiten stellt sich die Frage, inwieweit weite Anfahrtswege dafür in Kauf genommen werden müssen und inwieweit man sich dem Druck aussetzen muss, den wir durch bestimmte Arbeitsbedingungen in Arbeitsräumen haben. Warum können wir hier nicht mehr Wahlmöglichkeiten zulassen?

Das ist auch eine Frage des Kontrollbedarfs, der auf Seiten der Arbeitgeber gesehen wird. Möglicherweise haben wir hier den positiven Effekt, dass sich auch auf diesem Gebiet Freiräume öffnen. Ein drittes Feld ist die Wertschätzung von kulturellen Angeboten. Kultur würde ich hier in einem sehr breiten Verständnis anlegen, ich meine damit auch Sport- und Kirchenveranstaltungen und Gastronomie, also keineswegs nur Hochkultur. Vielleicht nehmen wir jetzt stärker wahr, welchen Reichtum Kultur ausmacht, den man nicht als selbstverständlich nehmen sollte. Und möglicherweise haben wir ein bisschen mehr Wissen gewonnen, was uns selbst wichtig und was für uns verzichtbar ist. Und das zusammengenommen – die Wertschätzung von Kunst und Kultur und auch die Wertschätzung des Selbstverständnisses und eigenen Wohlbefindens – könnte in Zukunft nicht nur individuell, sondern durchaus auch für die Gesellschaft an Wert gewinnen.

Ihr Ausblick auf die Zukunft?

Mein Ausblick auf die Zukunft ist nicht wirklich düster, aber doch ernst. Ich glaube, wir müssen uns darauf einstellen, dass wir Krisen in ganz unterschiedlicher Gestalt bekommen werden. Sei es die Krise des Arbeitsmarktes oder die sich zu einer sozialen Krise auswachsende ökonomische Krise. Hier werden wir bestimmte Effekte in verstärkter Form erleben, wie etwa das weitere Aufgehen der sozialen Schere. Hier könnten die Reichen und Wohlhabenden auch solidarische Maßnahmen setzen, die nicht einfach nur Charity sind und der eigenen Imagepflege dienen, sondern die tatsächlich denen zugutekommen, die in einem sehr unmittelbaren Sinne von dieser Corona-Krise erfasst wurden, weil ihnen durch die Gegenmaßnahmen ihre Existenz zerbrochen ist oder sehr schwer gemacht wurde.

Das Pendel zwischen Sicherheit und Freiheit tendiert momentan sehr stark in Richtung Sicherheit.

Das wäre zu diskutieren und zu hoffen, dass nicht nur von öffentlicher Seite Auffangnetze gespannt werden. Ich meine, dass wir eine Krise auch in einem allgemeineren Sinn bekommen werden: Insgesamt pendelt gesellschaftliche Entwicklung immer hin und her zwischen einerseits dem klassisch modernen Bemühen, ein hohes Maß an Sicherheit und Ordnung herzustellen und zu gewährleisten, wobei mit Bürokratie und Kontrolle Macht einhergeht, und andererseits einem vielleicht auch übertriebenen Maß an Freiheit, das Flexibilisierung, Ungebundenheit, Verschiedenheit betont und damit in Richtung Unübersichtlichkeit und auf die Seite der Unsicherheit ausschlägt. Dieses Pendel zwischen Sicherheit und Freiheit tendiert momentan sehr stark in Richtung Sicherheit. Und ich glaube, wir müssen uns das Schwingen dieses Pendels erhalten.

Ich nehme an, dass es auf diese hohen Sicherheitsmaßnahmen Gegenreaktionen geben wird, die sich andernorts ja auch schon abzeichnen. Es wird zu einem Revoltieren kommen und zu Versuchen, sich diesen Einschränkungen zu entziehen und daraus auszubrechen. Wenn Regierungen kontrollieren, wo die Leute herkommen und wie sie sich bewegen, sind Gegenargumente erforderlich,die deutlich machen, dass eine derartige Kontrolle auf Dauer unzeitgemäß ist und Pluralität einzudämmen versucht und damit sehr viel, was unsere Gegenwartsgesellschaften ausmacht. Ich hoffe, dass wir in eine Gesellschaft zurückkehren werden, die Vielseitigkeit und Unterschiedlichkeit wertschätzt. Das wird einen Krisendiskurs mit sich bringen, damit wir Entwicklungen der letzten Jahrzehnte hin zu einer offenen Gesellschaft nicht zugunsten dieses Sicherheitsgefühls verlieren. Freiheit mit Sicherheit wird sicherlich die Losung sein.

Das Interview führte Karola Binder

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